Les périphériques vous parlent Nr. 4
WINTER 1995/1996
S. 63-64
deutsch
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So kommt die Philosophie ins Spiel

Die Universität der Dringlichkeit ist überraschend entstanden. Begleitet war dies von einem seltsamen Gefühl von Notwendigkeit seitens derer, welche die Worte, um es zu sagen, entdeckten. Dass diese Worte eine „Charta” hervorgebracht haben, hat nichts von einem Zufall. Denn eine Charta definiert nicht den Inhalt eines Projektes, sondern die von jenen, die an diesem Projekt teilnehmen wollen, angenommenen und gewollten Bedingungen. (Siehe auch den Artikel Vorspiel einer Philosophie in Akten für aufrechte Philosophen)

Ich glaube, es ist sehr wichtig, dass die Charta der Universität der Dringlichkeit auf keinen Fall mit der Beschreibung eines möglichen Ideals, das man nur noch erfüllen müsste, verwechselt werden kann. Das Problem, für welches sie einen Raum eröffnet, hat keine Modellösung. Es fordert und es verpflichtet. Es verlangt von denen, die daran teilnehmen, dass sie sich nicht mehr hinter ihren guten Vorsätzen, hinter dem Gefühl, dass das, was sie übermitteln müssen, von sich aus würdig ist, übermittelt zu werden, oder aber hinter dem Glauben, dass das zu übermittelnde Wissen immer nur ein Vorwand für die Lehre allgemeinerer „Kompetenzen” ist, welche dieses Wissen „illustrieren” soll, verstecken. Und dies bedeutet, dass dieses Problem dazu verpflichtet, das übermittelte Wissen nicht zu „interpretieren” : als wertvoll an sich, oder als einfachen Zugangsweg. Es verpflichtet dazu, die Frage der Übermittlung-Produktion nicht vom Tisch zu wischen, ebensowenig wie die Frage des „Akteur Werdens” in einer Welt, welche Ihnen vorangeht, welche nicht auf Sie gewartet hat, und die doch nur die Zukunft hat, welche Sie werden aufbauen können.

Das Problem der Universität der Dringlichkeit ist somit ein besonderer Aspekt des Problems des Aufbauens einer Gegenwart, welche eine Zukunft haben kann. Es handelt sich darum, nicht den Teil mit dem Ganzen zu verwechseln, und nicht zu vergessen, dass es ein Teil ist, der nur Bedeutung bekommt, wenn er seinen besonderen Charakter in die Vielfalt der anderen einfügt.

Daher war es wichtig, in diesem Zusammenhang ein altes, überinterpretiertes, sehr abgewertetes und verdorbenes Wort wie „Universität” wieder anzunehmen. Die Universität, welche wir kennen, ist neu, sie ähnelt überhaupt nicht jener des vergangenen Jahrhunderts, welche ihrerseits nicht der todgeweihten Struktur des 18. Jahrhunderts ähnlich sieht, welche ihrerseits nichts mit der mittelalterlichen Einrichtung gemein hat. Die Universität ist ein gutes Analog der Übermittlungsfrage : Ihre Identität sind die Hoffnungen, Kämpfe, Enttäuschungen, Ausgrenzungen, Gehässigkeiten, in deren Erbe man schaffen und handeln muss.

Daher ist es auch sehr wichtig, dass die Charta der Universität der Dringlichkeit zu einer Selbstverwaltung der Kurse-Werkstätten-Laboratorien aufruft und kein einheitliches Modell oder Funktionsmodus vorschlägt. Es handelt sich somit nicht um einen „Organismus” mit seinem eigenen Funktionsgesetz, welches ihn von den anderen Stätten, an denen sich die Zukunft aufbaut, trennen könnte, sondern um ein Wesen, welches fraktal sein will, welches überall auftauchen kann, ganz nahe an jeder anderen Initiative, sobald man sie als Möglichkeit erlebt, zur Frage der Übermittlung-Produktion von Kenntnissen beizutragen. Es handelt sich um die Selbstproduktion eines Wesens mit ebenso vielfältigen Seiten, wie das Ganze, innerhalb dessen es sich befindet, ohne vorbestimmtes Aussehen, und welchem die Charta eine experimentelle Existenzform vorschreibt : Keine Prüfung oder Auswahl, um der Universität der Dringlichkeit anzugehören, sondern die Herausforderung, annehmen zu müssen, was alle Anderen produzieren während sie Teil ihrer eigenen Gegenwart ist.

Der in Brüssel geschaffene Philosophieworkshop wurde als aktiver Teil der Universität der Dringlichkeit gegründet. Daran beteiligte sich ein Kollektiv aus Studenten, Forschern und Professoren der Universität Brüssel, aber auch andere Personen, die sich für die Praxis eines Denkens, das auf die eine oder andere Art und Weise am Erbe der Philosophie Anteil nimmt, interessieren.

DIE MÜHEN DER BESTEN

„Woran arbeiten Sie ?”, frug man Herrn K. Herr K. gab zur Antwort : „Ich habe viel Mühe, ich bereite meinen nächsten Fehler vor.”

(Bertolt Brecht : Almanachgeschichten)

Dies ist eine „Rück-Übersetzung”. Der deutsche Originaltext stand mir hier leider nicht zur Verfügung. (Anm. d. Übers.)

Dieser Workshop zielt auf eine langfristige Tätigkeit ab und ist es sich schuldig, sich nicht über dem „Kern” der ersten Teilnehmer zu schließen.

Das Lernen dessen, was es bedeutet, die Form „Vorlesung” oder „Seminar” aufzugeben, ohne jedoch die Form „Kneipendiskussion” anzunehmen, entspricht der Philosophie, von der man sagen kann, dass die moderne Form der Übermittlung in der Universität ihr nicht gerade gut bekommen hat. Ebenso entspricht ihr die Lehre einer Zukunft als Akteur in dem Maße, dass das „philosophische Wissen” keine Autorität für sich beanspruchen kann, wie sie der relativen Autorität des wissenschaftlichen und technischen Wissens entspricht. Sie würde daran sterben. In der Tat kann sich jemand, der nicht mit der physikalisch-mathematischen Landschaft, in der das Quark oder der Big Bang entstanden sind und in der sie ihre Zukunft spielen, vertraut ist, nicht unmittelbar als Akteur dieser Zukunft hinstellen. Diese Wesen gehören zunächst denen, welche wissen, „wie” sie existieren, woran sie sich festhalten, welcher Umwälzungen, Risiken, und Abenteuer sie fähig sind. Die philosophischen Probleme kann man sich nicht so aneignen : sie gehören denen, welche sie stellen und werden wertlos, leer und schmarotzerisch, wenn jene, welche sie stellen, dies als von einer diplomierten Kompetenz genehmigte Interpreten und nicht als Akteure eines Bedürfnisses, das sie der Gefahr aussetzt, tun.

Das erste Ziel des Philosophieworkshops ist somit das Erlernen einer Denkweise, welche sich nicht in der Einsamkeit des Schreibens, sondern in einem Kollektiv darstellt. Dies bedarf, wie jedes Experiment, Gemessenheit (sich nicht auf eine Sicherheit versprechende Form stürzen), Vorsichtsmaßnahmen (nicht zum Schweigen zu bringen und nicht „irgendetwas” in der Gleichgültigkeit der förmlichen Demokratie anzunehmen), Erfindungsgeist (Verfahren, welche dazu zwingen, sich darzustellen und einen von der heutzutage in der Universität gängigen Zwangsvorstellung, der „beste Interpret” dieses oder jenes Denkers zu werden, abwenden, zu entdecken).


IM PHILOSOPHIEWORKSHOP LAUFENDE EXPERIMENTE


Auf die eine oder andere Art ist es die erste Herausforderung, soweit wie möglich das Gewicht der „Kompetenz”-Unterschiede (Wer hat was gelesen) zu vermindern und eine Denkweise, welche sich an besonderen Quellen genährt haben kann, sich aber darauf nicht zu beziehen braucht, zu lernen und sich zu erlauben.

Man hat eine erste Spur, welche das Verfahren „Ausdenken herstellen” inszeniert, verfolgt. Ausdenken bedeutet hier keine Willkür, sondern ganz im Gegenteil Produktion eines aktiven Widerstandes gegen das willkürliche Ausschneiden dessen, was uns als Denken und philosophisches Problem übermittelt wird. Es handelt sich darum, sich für eine Bedingung zu interessieren, um die Art und Weise, mit der sie unter dem Anschein einer Beschreibung in der Tat beurteilt und eingestuft wurde, zu „entnormalisieren”. Man „weiß”, dass jedes „öffentliche” Denken, d.h. welches das Ziel, zu überzeugen, zu argumentieren (vom Logischen zum Meditativ-Poetischen) hat, ein strategisches Denken ist, gleich, welches seine Formen sind. Doch dieses Wissen verhindert nicht die akademische Routine, das Denken ohne seine Risiken zu übermitteln, als ob die Kategorie des „Großen Denkers” die Kategorien rechtfertigen und beglaubigen käme und es erlaubte, die Frage „wie” hat er gedacht, d.h. auch „wie hat er das Denken verhindern können”, zu vergessen. Das Ausdenken erzeugt einen Appetit darauf, unser Erbe anders zu erzählen, d.h. auch anders zu verstehen, der Form einer logisch fortschrittlichen Geschichte zu entgehen. Sie muss in der Tat die Zeitgenössigkeit einer Lage neu erschaffen, d.h. sie wieder in die Gegenwart setzen. Sie verpflichtet zu einer anderen Art von Wahrheit als der eines Interpreten, welcher die Argumente der Sieger nachäfft und das Schweigen der Besiegten billigt.

Wir haben die Idee des Schaffens von Ausdenken beileibe nicht aufgegeben, doch haben wir bemerkt, dass sich kopfüber in „ein” Ausdenken zu stürzen bedeutete, hastig eine Lösung zu suchen, ohne vorher das Problem auf der entscheidendsten Ebene bearbeitet zu haben : zu dem, was wir zu unternehmen suchen, fähig zu werden. Daher beginnen wir einen anscheinend spielerischeren und doch vom Standpunkt des „Ernstes des Denkens” aus beunruhigenden Experimentsprozess : können wir mit dem „Wörter”-Kartenspiel Gedanken schaffen ? Die Regeln dieses Spieles werden in Echtzeit ausgearbeitet, aber sein Ziel ist klar : Es ahmt mit den besonderen Mitteln der Philosophie die gewissenhafte Lehre jeder „Theatralität” nach, lernen zu können, sich nicht hinter Schlagworten zu verstecken.


Isabelle Stengers


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Les périphériques vous parlent, zuletzt bearbeitet am 3. Juli 03 von TMTM
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